Das Erdaltertum war ein Märchen. Glitzernde, glänzende Kreaturen, die sich in den Strömungen der Urmeeren wiegten wie Kleinkinder in weichen Holzwiegen, unter Hautlappen blinde Augen öffneten, Sinne über Jahrhunderte schärften als wären sie Messer an Schleifsteinen. 4191 Millionen Jahre seit dem Nichts, und Fische wälzten sich auf handgleichen Flossen über schlammige Ufer an totes Land, Perm, Trias. Geschichte war vorgegeben, schon geschehen, gerastert und gezählt, vor 65 Millionen Jahren gefiederte Echsen und riesige Arachnen,  flinke, warme Körper in hohem Gras, das erste Massensterben, das zweite, das dritte. Jura, Kreide, Paläogen. Es beruhigte sie, zu wissen, was vor ihr da gewesen war, Jahreszahlen und Karbonausschüsse und Statistiken. Das Jetzt und die Zukunft waren abrupt und unvorhergesehen wie das Wetter im April, jede Vorhersage eine Vermutung, jede Nummer ein vielleicht ohne sichere Rechnung. Sie zog die Vergangenheit vor, hartgetretener, bekannter Boden. Und obschon sie den Weg von Kambrium bis Quartär kannte, fragte sie sich manchmal, wann alles so kompliziert geworden war. 

Von fressen und gefressen werden hin zu all den Gesetzen, den Regeln, den Grenzen. Sei angezogen, aber nicht zu bedeckt, nicht zu entblösst, geschminkt, doch nicht zu sehr, nicht zu wenig, nicht zu laut, nicht scheu, selbstbewusst, nicht arrogant, nicht selbstmitleidig, finde das Mittelmass, dass uns gefällt, aber sei ja einzigartig, nur nicht zu sonderbar. Einst war der Mensch ein Tier, wie die Elster. Wie der Fuchs und der Falke, fundamental fast nur strebend nach einem nächsten Tag, Nahrung, Wasser, Luft und Sex. Und dann veränderten wir uns. Es gab keinen Moment der Erleuchtung, kein Entdecken des Feuers. Es war der Funke einer gänzlich anderen Art von Intelligenz in unseren Augen, als wir uns auf zwei Beine erhoben, über Millionen von Jahren bis in die Zukunft. Es waren Jagdtrophäen, Torf an Felswänden, trockene Tiersenen und tödlich scharfe Steine und tiefe Kerben in Tannenholz, eine für jeden Tag. Später die Sesshaftigkeit, das Halten und Jagen von Nahrung hinter Zäunen, Agrarkultur und Kultur, Organisation, Opfergaben, ich passe auf die Tiere auf und du auf meine Kinder und wir teilen das Fleisch. Schönere Wärme und wärmeres Wasser, grössere Nester und effizienteres Töten und mehr Sex, mehr Kinder, mehr Menschen, mehr Siedlungen, mehr Städte, mehr Besitz, mehr Ideen, mehr Grenzen, mehr Produktion, mehr Konsum, mehr Fragen, mehr Sklaven. Mehr Geld. Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, Speziesismus, Homophobie, Soziophobie, Arachnophobie, Hierarchie. Feudalismus und Fabriken und die Industrialisierung, Internet, Illegalität und Integrität, Inkognito, ISIS, Illusionen, Ichbezug. Und jetzt, und weiter so, mehr Worte und mehr Dinge und mehr Teile bis in alle Ewigkeit, dachte sie, Krisenzeiten, Krieg. Die Gegenwart.

Tiere Fressen Tiere fressen Pflanzen, Menschen hassen Tiere hassen Menschen, alles stirbt, es gibt keine Harmonie. Sie öffnete ihre Augen. Vielleicht liegt unserer Spezies das Paradies nicht, und die Brüderlichkeit, die Einigkeit. Vielleicht wird immer Blut fliessen, weil wir nichts anderes kennen, können. Kahlschlag, Kälte, Kindersterben, Kassensturz, Kapitalismus. Hier wollte sie nicht bleiben. 

Lieber sank sie Unterwasser, zurück, tief. In den schwankenden Ozean von Gestern.